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Stollenhelden-Blog

Profidebüt mit 28: Ein zeitgemäßes Modell?

Profidebüt mit 28: Ein zeitgemäßes Modell?

Blogbeitrag von
Gast-Autor!

Edgar Schmitt, inzwischen 53 Jahre alt und vielen als „Euro-Eddy“ ein Begriff, spielte während seiner aktiven Laufbahn unter anderem für den 1. FC Saarbrücken und Eintracht Trier, bevor er 1991 im Alter von 28 Jahren sein Profi-Debüt bei Eintracht Frankfurt feiern konnte. Sein Spitzname resultiert aus der Zeit beim Karlsruher SC, die in seinem Karrierehöhepunkt gipfelte: Im UEFA-Cup-Rückspiel 1993 gegen den FC Valencia erzielte Schmitt vier Treffer und wurde zur absoluten Kultfigur, auch über die KSC-Anhängerschaft hinaus. Für die Stollenhelden berichtet „Euro-Eddy“ über Anekdoten und Erfahrungen auf seinem Weg zum Profi, warum er erst sehr spät entdeckt wurde und seinen Standpunkt, ob man es auch heute noch in recht hohem Alter zum Bundesliga-Profi schaffen kann.

Edgar Schmitt berichtet für die Stollenhelden von seinen Erfahrungen

Montagmorgen, der Wecker klingelt, es geht wieder los: Die Saisonvorbereitung steht auf dem Programm. Endlich wieder Fußball! Mit inzwischen 28 Jahren kenne ich die Abläufe ganz genau, und als amtierender Torschützenkönig der dritten Liga mangelt es mir nicht an Selbstvertrauen. Und doch bemerke ich eine große Unruhe, die mich erfasst. Heute heißt das Ziel nicht Trainingsplatz direkt an der Mosel in Trier, sondern Riederwald, das Trainingsgelände von Eintracht Frankfurt. Dort angekommen laufen sie alle an mir vorbei, die Stars aus der Bundesliga: Anthony Yeboah, Uwe Bein, Andi Möller. Ehrfürchtig schaue ich zu ihnen auf und muss mich vor lauter Nervosität ein weiteres Mal daran erinnern, dass diese großen Namen künftig meine Mannschaftskameraden sein werden. Was aus der heutigen Sicht wie ein Märchen klingt, wurde an diesem Tag im Sommer 1991 Realität. Zuvor gänzlich ohne Profierfahrung und bereits in einem sehr fortgeschrittenen Fußballeralter, verpflichtete mich die SGE, die damals nominell wohl stärkste Mannschaft der Bundesliga. Ein Traum sollte in Erfüllung gehen. Doch fragte ich mich: Warum hatte man mich nicht 10 Jahre früher entdeckt?

Beginn in der Provinz jenseits der Spitzenclubs

Wenn ich mir heute ein Fußballspiel ansehe, fallen mir sofort unzählige Dinge auf, die bei uns damals grundlegend anders waren: Allen voran ist der Fußball strategischer und komplexer geworden, und immer mehr junge Spieler, häufig noch keine zwanzig Jahre alt, laufen für die Top-Clubs auf. Der Grund dafür liegt auf der Hand: Talentierte Nachwuchskicker werden bereits im Kindesalter aufgrund des inzwischen perfekt vernetzten Scoutingsystems entdeckt, gefördert und sowohl spielerisch als auch kognitiv darauf vorbereitet, sich mit den Besten der Besten messen zu können. Wenn ich auf meine Anfänge zurückblicke, fehlte mir genau dieser eine Scout, der mich beim Training in der Provinz beim FC Bitburg beobachtet, mein offensichtlich vorhandenes Talent erkennt, und mir im Anschluss zuruft: „Eddy, hast du nicht Lust dazu, morgen im Leistungszentrum des 1. FC Kaiserslautern anzufangen?“. Scouting wurde damals nur sehr sporadisch betrieben, und somit blieb mir nur die Möglichkeit, mich bei kleinen Vereinen über harte Trainingsarbeit und gute Leistungen zu empfehlen. Ich bin mir sicher, dass man einen Spieler wie ich es damals war, heute definitiv entdecken würde. Nehmen wir das Beispiel Lionel Messi. Okay, ich gebe zu, ein Messi wäre ich sehr wahrscheinlich nie geworden, so viel Größenwahn umtreibt mich dann doch nicht. Doch genau wie ich war der fünfmalige Weltfußballer zu Beginn seiner Karriere im Jahr 2000 extrem klein, fast kleinwüchsig. Im Gegensatz zu mir wurde er jedoch entsprechend gefördert, man erkannte sein Potenzial sehr früh. Ich dagegen durfte mir aufgrund meiner kleinen Körpergröße die Hänseleien meiner Mitspieler anhören. Ich möchte nicht jammern, ich schöpfte viel Motivation aus den blöden Sprüchen der Anderen. Trotzdem hätte ich mir gewünscht, dass man auch damals schon gezielt nach potenziellem Entwicklungspotenzial gescoutet hätte, wie es heute eine Selbstverständlichkeit ist.

Der späte Karriereschub: Über Tore ins Rampenlicht

Warum ich schlussendlich doch noch entdeckt wurde, habe ich meiner Position zu verdanken. Als Stürmer konnte ich mich durch Tore in den Vordergrund spielen und für Furore sorgen. Klar, es gab auch Zeiten wie mein Jahr beim 1. FC Saarbrücken, währenddessen ich entweder die Bank wärmte oder den absoluten Chancentod gab. Aber die Station in Trier mit 79 erzielten Treffern in 83 Spielen sorgte dafür, dass man sich bei der Frankfurter Eintracht wohl dachte: „Der Schmitt ist zwar nicht mehr der Jüngste, aber seine Buden wird er auch bei uns machen!“. Ich glaube kaum, dass ein Defensivspieler eine ähnliche Chance bekommen würde, weder damals, noch heute. Das zeigt auch die Karriere von Jamie Vardy, der zunächst in den unteren Ligen seine Treffer erzielte, mit seinem Club Leicester City im Alter von 27 Jahren in die Premier League aufstieg, um dort als Konterstürmer groß aufzutrumpfen und als Überraschungsmeister englischer Nationalspieler wurde.

Ausnahmen bestätigen die Regel

Nicht nur Vardy hat jüngst einen eher unkonventionellen Weg beschritten und ist erst in relativ hohem Alter ein äußerst erfolgreicher Profi geworden. Auch Jonas Hector debütierte erst mit 22 beim 1. FC Köln und wurde im Alter von 24 Jahren Nationalspieler. Der Trend geht jedoch klar in eine andere Richtung: Taltentierte Kicker werden so früh wie möglich an die großen Clubs gebunden und von ihnen ausgebildet. Die Spieler benötigen eine bereits in jungen Jahren angeeignete Grundlage aus körperlicher Fitness durch wissenschaftliches Training, Professionalität, Passsicherheit, Geschwindigkeit und Dynamik, um nachhaltig im modernen Profifußball fußfassen zu können. Auch wenn es eine andere Zeit war: Meine Karriere zeigt, dass man mit einem unbändigen Willen, Kampf, Geduld, Disziplin und dem richtigen Umgang mit Rückschlägen selbst in hohem Alter und über Umwege den Sprung schaffen kann. Ein klassisches Fußballmärchen eben!